Weihnachten wird unterm Baum entschieden!

“Weihnachten wird unterm Baum entschieden!!!”, schrie uns ein großer Elektromarkt vor ein paar Jahren in der Adventszeit täglich in der Werbung entgegen. Ob das wohl wirklich stimmt? Wie sieht es in den Familien aus?

Anna-Lenas Mutter ist gestresst. Seit Tagen ist sie damit beschäftigt, das Fest vorzubereiten. In diesem Jahr ist sie an der Reihe, die Familie am Heiligabend zu bewirten. Eigentlich hat sie gar keine Lust dazu. Sie weiß genau, dass ihre Schwiegermutter wieder herumnörgeln wird, weil Anna-Lenas Mutter die Weihnachtsgans nicht genau so hinbekommt wie sie selbst. Und Anna-Lenas Vater wird sich wieder mit seiner Schwester zanken. Aber es hilft nichts, da muss sie jetzt durch.

Natürlich schmeckt die Gans auch in diesem Jahr wieder nicht gut genug für die Oma. Und Tante Susanne fängt auch wieder mit der alten Geschichte an, dass Anna-Lenas Vater es ganz geschickt angefangen hat, dass er mit seiner Familie das Haus der Eltern übernehmen konnte. Der Vater wird wütend und trinkt immer mehr. Alle schreien durcheinander. Niemand hat Zeit für Anna-Lena, dabei würde sie so gern mit allen zusammen das neue Spiel spielen, dass die Oma ihr geschenkt hat.

Nach dem Essen wird der Streit so heftig, dass Tante Susanne und ihr Mann die Oma ins Auto packen und wütend abhauen. Papa verzieht sich mit der Cognacflasche in sein Arbeitszimmer, Mama macht die Küche sauber und schimpft dabei leise vor sich hin. Anna-Lena sitzt allein im Wohnzimmer unterm Weihnachtsbaum und ist traurig, dass Weihnachten gar nicht so schön ist, wie alle immer behaupten. Wird Weihnachten unterm Baum entschieden?

Tim ist schon früh zu Bett gegangen. Irgendwie war Weihnachten früher viel schöner. Aber dieses Jahr ist Tim sehr traurig. Zwar wird er der einzige in seiner Klasse sein, der das neue iPhone hat, aber freuen kann er sich darüber nicht. Sein Vater hat es ihm eben geschenkt, damit sie in Zukunft Video-Telefonate führen können. Aber noch vor dem Essen ist er wieder abgefahren. Schon vor drei Monaten hatten die Eltern ihm gesagt, dass Papa in eine andere Stadt zieht und dort nun mit einer anderen Frau lebt. Aber heute, zu Weihnachten ist er doch gekommen, um Tim unter dem Weihnachtsbaum das iPhone zu schenken. Gleich danach war er schon wieder weg. Tims Mutter hat geweint und ist dann in ihr Schlafzimmer gegangen. Und Tim saß allein da mit seinem neuen iPhone, über das er sich gar nicht richtig freuen kann. Da hat er dann die elektrischen Kerzen am Weihnachtsbaum gelöscht und ist auch in sein Zimmer gegangen. Da steht er nun, der Weihnachtsbaum. Dunkel und allein im Wohnzimmer. “Irgendwie überflüssig, der Baum”, denkt Tim traurig. Wird Weihnachten unterm Baum entschieden?

Ngungi lebt mit ihrer Familie in Kenia. Das ist in Afrika und hier ist es selbst zu Weihnachten sehr warm. Ihre Hütte, die nur aus einem einzigen kleinen Raum besteht, liegt in einem Dorf unweit der Küste, wo die weißen Touristen in schönen großen Hotels wohnen. Manchmal kann ihre Mutter in einem der Hotels als Aushilfe arbeiten und die Zimmer der abreisenden Gäste putzen. Aber meist arbeitet Ngungis Mutter auf dem kleinen Stückchen Land hinter ihrer Hütte, wo sie Maniok, Mais und Süßkartoffeln anbaut. Das ist die Hauptnahrung der beiden. Ngungis Vater lebt in der Hauptstadt Nairobi. Dort arbeitet er im Straßenbau. Er kommt nur einmal im Jahr für ein paar Tage nach Hause. Das muss so sein, denn er muss Geld verdienen, damit sie ihr Stückchen Land abbezahlen können und damit Ngungi zu Schule gehen kann, denn in Kenia muss man für die Schule bezahlen.

Heute ist ein besonderer Tag. Es ist der Geburtstag des Sohnes von Mungu. Mungu, so heißt Gott in Suaheli, der Sprache, die in Kenia gesprochen wird. Das wollen Ngungi und ihre Mutter feiern. Zur Feier des Tages hat die Mutter auf dem Markt ein halbes Huhn gekauft. Das ist ein richtiges Festessen! Fleisch gibt es nur ganz selten. Ngungi genießt den Abend. Sie sitzt mit der Mutter unter dem großen Baum, einer alten Schirmakazie, vor der Hütte. Sie haben sich das Huhn schmecken lassen und danach liest Ngungi der Mutter aus dem Neuen Testament die Geschichte von der Geburt des Sohnes von Mungu vor. Der hieß Jesus und seine Eltern waren auch sehr arm. Er wurde in einem Stall geboren und das ist noch ärmlicher als die Hütte, in der Ngungis Familie wohnt. Doch dieser Jesus war der Heiland der Welt, den Mungu geschickt hat, um die Menschen zu erlösen. Und deshalb feiern alle Christen heute seinen Geburtstag.

Als Ngungi mit dem Vorlesen fertig ist, singt die Mutter ihr das Lied vor, das sie im Hotel gehört hat. Es handelt von der stillen, heiligen Nacht, in der Jesus geboren wurde. Die beiden schauen in die Sterne. Ein bisschen traurig ist Ngungi aber doch. Nicht, weil es in ihrem Dorf keinen Weihnachtsmann gibt, der Geschenke bringt, so wie in den Hotels, wo die weißen Touristen wohnen. Nein, Ngungi ist nur ein wenig traurig, dass der Vater nicht da sein kann. Nairobi ist so weit weg. Doch als sie der Mutter zuhört, die dieses schöne Lied singt, da sieht sie einen Schatten, der in der Dunkelheit auf ihre Hütte zukommt. Sie springt mit einem kleinen Freudenschrei auf und stürzt ihrem Vater in die Arme.

Er ist per Anhalter mit einem LKW mitgefahren und dann noch die 20 Kilometer von der Küstenstraße bis ins Dorf gelaufen, um am Weihnachtsabend zusammen mit seiner kleinen Familie unter dem großen alten Baum vor seiner Hütte zu sitzen. Ngungi findet, das ist viel schöner als alle Geschenke auf der ganzen Welt.

Die Werbung hat wohl doch recht: Weihnachten wird unterm Baum entschieden! Aber ob die Werbefachleute damit wohl wirklich die große alte Schirmakazie vor einer ärmlichen Hütte in einem kleinen Dorf in Afrika meinten?

Advertisements

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s