Erinnerung an den 07.12.2005: Abschied – Trauer – Dankbarkeit – Liebe

Tod und Sterben sind in unserer Gesellschaft Tabu-Themen. Wir haben Angst vor der Endlichkeit des eigenen Seins und so überlassen wir den Umgang mit sterbenden Menschen häufig Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten. Auch ich hatte oft Angst, mich damit auseinander zu setzen. Bis zu einem Dezemberabend im Jahr 2005.

Heute nun jährt sich ein Tag zum neunten Mal, der mich als Menschen, vor allem aber meine Einstellung zu den Themen “Tod” und “Sterben” geprägt hat. Ich möchte einige Gedanken dazu mit Euch teilen.

Im Herbst 2005 zeichnete sich ab, dass das Leben meiner 83-jährigen Oma dem Ende zuging. Seit Jahren schon litt sie an Krebs. Trotz mehrerer Operationen und vieler Therapien war die Krankheit unaufhaltsam weitergegangen. Sie nahm es – wie alles in ihrem Leben – mit großer Geduld und Würde als gottgegeben hin. Meine Oma war eine tief gläubige Frau. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass mit dem Tod des Körpers nur das Leben hier auf dieser Erde endet, jedoch die Seele ewig lebt.

Einige Tage vor dem 07.12.2005, am ersten Advent, besuchte ich sie wieder einmal im Krankenhaus. Wir hatten gerade gemeinsam mit ihr beschlossen, dass sie einige Tage später nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren, sondern in ein Hospiz verlegt werden sollte, um ihr die bestmögliche Pflege und Versorgung, vor allem die bestmögliche palliativmedizinische Schmerztherapie, zukommen zu lassen.

Wir waren noch ein paar Momente allein als der Rest der Familie sich schon verabschiedet hatte. Ich nutzte die Gelegenheit, dieser Frau, die mir durch mein gesamtes Leben unendlich viel Gutes getan hatte, einmal zu danken. Die ersten Jahre meines Lebens hat sie mich quasi groß gezogen. Meine Mutter arbeitete ganztags, mein Vater studierte noch. Aber auch als ich älter und erwachsen wurde, war mein Oma immer für mich da, wenn ich sie brauchte.

Meine Oma hat Zeit ihres Lebens für ihre Familie gesorgt. Sie hielt die Familie zusammen, versorgte Kinder, Enkelkinder, pflegte ihre eigene pflegebedürftige Mutter, hatte ein großes Haus und einen riesigen Nutzgarten zu bearbeiten. In meiner Kindheit saßen oft 6-8 Personen täglich um ihren Mittagstisch. Heute weiß ich nicht, wann diese Frau je geschlafen hat.

Sie wehrte meinen Dank in der ihr eigenen Bescheidenheit ab. Beide konnten wir unsere Tränen nicht aufhalten und so saßen wir schweigend einige Minuten Hand in Hand dort. Dann fing sie wieder an zu sprechen.

“Weißt Du, Junge”, sagte sie, “Ich habe ein schönes Leben gehabt. Es war schön, Euch zu lieben und von Euch geliebt zu werden. Gern hätte ich noch meinen Urenkel kennengelernt, den Deine Cousine in wenigen Monaten zur Welt bringen wird. Aber meine Zeit ist um. Und es ist gut so. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich freue mich, Euren Opa dort wieder zu sehen. Und auch mein Kind, das vor vielen, vielen Jahren tot zur Welt kam, dann einmal in die Arme schließen zu können. Nein. Angst vor dem Tod habe ich nicht. Nur ein wenig Angst vor den Schmerzen, die vielleicht noch kommen. Aber da habt ihr jetzt für mich wohl eine gute Lösung gefunden und ich vertraue darauf, dass die Ärzte und Schwestern mir das Sterben so leicht wie möglich machen werden. Irgendwann in den nächsten Tagen wird man Euch alle anrufen und Euch sagen, dass ich nun gegangen bin. Sei dann nicht traurig. Denkt an die schöne Zeit, die wir hatten und seid alle sicher, dass ich Euch immer lieb haben werde. Glaub mir, wir werden uns wiedersehen. Und nun, lass mich noch ein wenig schlafen.”

Sehr berührt fuhr ich nach Hause. Und in mir wuchs der Wunsch, Oma in ihren letzten Lebensstunden begleiten zu dürfen. Ich hatte noch nie einen Menschen sterben sehen. Ein wenig beklommen war mir bei dem Gedanken, aber es überwog in mir der Wunsch, dieser Frau in den Minuten ihres Abschieds beistehen zu dürfen. Bei ihr zu sein. Für sie da zu sein, wie sie so oft in meinem Leben für mich da war.

Die letzten fünf Tage ihres Lebens verbrachte meine Oma in einem wundervollen Hospiz. Die Schwestern und Pfleger dort leisten eine phantastische Arbeit, die leider viel zu wenig gewürdigt wird. Sie versorgen nicht nur ihre Patienten, nein, sie sorgen für sie. Und nicht nur für die Patienten, sondern auch für deren Angehörige. Ihnen gilt meine Hochachtung und mein besonderer Dank.

Jeden Tag nach der Arbeit fuhr ich von Köln nach Aachen. Meine damalige Chefin, der ich davon erzählt hatte, war sehr verständnisvoll und hatte mir gesagt, ich könne jederzeit früher die Arbeitsstelle verlassen oder später zur Arbeit kommen, wenn ich das Gefühl hätte, bei meiner Oma sein zu müssen.

Mit jedem Tag merkte man mehr, dass es nun zu Ende gehen würde. Bedingt durch eine konsequente Schmerztherapie war meine Oma nur noch selten ansprechbar. Einen Tag vor ihrem Tod war sie jedoch kurz wach und merkte, dass ich an ihrem Bett saß. Leise sagte sie meinen Namen. Ich nahm ihre Hand und fragte sie, ob ich irgendetwas für sie tun könne. Sie sah mich an und sagte: “Ja, sing etwas für mich.” Ich kannte ihre Lieblingslieder aus dem Kirchengesangbuch und ganz leise sang ich für sie, bis einschlief.

Am nächsten Abend war ich wieder bei ihr. Eigentlich waren wir abends mit einem Teil der Familie verabredet, aber ich wollte auf jeden Fall noch einmal zu ihr ins Hospiz. Wieder war sie kurz wach und fragte mich “Willst Du nicht losfahren?”. Ich sah sie an und auf einmal wusste ich, dass ich sie nie wiedersehen würde, wenn ich nun fahren würde. Ich sah ihr an, dass auch sie das wusste.

“Nein”, sagte ich. “Soll ich nicht bei Dir bleiben? Hier bei Dir sitzen, bis Du zu Opa gehst?”

Sie seufzte und drückte zustimmend ganz leicht meine Hand. Dann ließ das Morphium sie wieder wegdämmern.

Kurz darauf kamen die Schwestern und baten mich, das Zimmer kurz zu verlassen, um Oma für die Nacht vorzubereiten, sie zu waschen und ihr Bett zu machen. Nach einigen Minuten kam eine der Schwestern heraus und fragte mich: “Bleiben Sie noch?” Als ich bejahte, lächelte sie, legte ihre Hand auf meinen Arm und sagte, dass sei gut, denn sie rechne damit, dass Oma die Nacht nicht überleben würde.

Als ich mich wieder zu Oma an ihr Bett setzte, wurde es um uns herum ruhig. Im Zimmer brannte nur eine kleine Lampe. Ich hielt ihre Hand und fing wieder an, leise ihre Lieblingslieder zu singen. Ein Lied, ein altes Kirchenlied, mochte sie immer sehr und als ich es zu singen begann, drückte sie noch einmal ganz leicht und kaum spürbar, meine Hand. In dem Lied heißt es “Freue Dich, o liebe Seele, bald kommst Du zu Deiner Ruh’. Siehe wie Dein Lebensschifflein, eilt dem Friedenshafen zu”. Ein Lied voller Trost und Hoffnung. Sie hat es oft gesungen, als ich noch ein kleines Kind war. Während ich die zweite Strophe sang, öffnete Oma noch einmal ganz kurz die Augen. Nie werde ich diesen Blick vergessen, der voller Ruhe, Frieden und Liebe war. Sie schloss die Augen wieder. Dann atmete sie einmal tief ein und wieder aus.

Ich hörte auf zu singen, denn ich wartete auf ihren nächsten Atemzug. Doch er kam nicht mehr. Omas Gesicht war entspannt. Glücklich sah sie aus. Ein leichtes Lächeln schien um ihren Mund zu spielen. Ihre Hand lag noch in meiner Hand. Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und sagte noch einmal “Danke”. Weitere fünf Minuten saß ich ganz still bei ihr, hielt ihre Hand in meiner. Wie ein Film liefen viele Erinnerungen aus unserem gemeinsamen Leben vor mir ab. Dann klingelte ich nach den Schwestern.

Die Schwestern kamen, baten mich noch einmal kurz hinaus. Ich nutzte die Zeit, meinen Vetter anzurufen und ihn zu bitten, den Rest der Familie zu benachrichtigen. Als ich zurück ins Zimmer kam, hatten die Schwestern eine Kerze angezündet. Omas Haare waren frisch gekämmt, ihre Hände lagen auf der Bettdecke. Ein tröstliches, friedvolles Bild.

“Es ist schön, dass sie bei ihr waren.”, sagte die Schwester. “Sie hat einen einen würdigen Tod gehabt und sie fühlte sich geborgen. Das sieht man ihr an.”

Noch etwa 40 Minuten saß ich allein bei dem Körper, der einmal meine Oma war und den sie nun verlassen hatte. Dann kamen meine Eltern, mein Vetter und eine Tante um sich auch zu verabschieden.

Ich fuhr nach Hause. Eine tiefe Ruhe durchströmte mich. Ein wenig Trauer. Vor allem aber Dankbarkeit. Ich war dankbar für alles, was Oma für mich getan hatte und dankbar dafür, dass ich bei ihr sein durfte, als sie diese Erde verließ. Und ich konnte die Liebe spüren, von der sie einige Tage vorher gesprochen hatte.

Dieser Tag war einer der prägendsten Tage in meinem bisherigen Leben. Er hat mein Leben reicher gemacht. Ich wünsche mir, dass viele Menschen den Mut haben, bei ihren Lieben zu sein, wenn diese ihre letzten Minuten auf dieser Erde durchleben.

Die Liebe gibt uns dazu die Kraft.

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