Amazon? Oder doch Bücher riechen?

58529_web_R_B_by_wuestenfux_pixelio.deIch mag Buchläden. Schon als Kind und Jugendlicher war dies für mich eine andere Welt, in die ich gern eingetaucht bin. Zur Erläuterung muss ich vielleicht hinzufügen, dass meine Eltern den ersten Fernsehapparat ins Haus holten als ich bereits 14 Jahre alt war. Und so waren Bücher für mich das, was für andere heute die Serienhelden der Kindheit sind. Der Buchladen bei uns am Ort war für mich ein fester Anlaufpunkt, den ich mindestens einmal pro Woche besuchte. Der alte Buchhändler war sehr freundlich. Er wusste, dass ich gut mit den Büchern umging und so ließ er mich in Ruhe stöbern. Fragte mich jemand aus der Familie, was ich mir denn zum Geburtstag oder zu Weihnachten wünschte, so verwies ich ihn immer auf diesen Buchhändler: “Geht mal zu Herrn Ringe, der hat eine Liste!”. Und die hatte er wirklich. Wann immer ich mir ein Buch wünschte, für das das magere Taschengeld nicht ausreichte, holte er seine alte, abgestoßene Kladde aus der Ladentheke in der es eine Seite gab, auf der “Frank” stand. Dort notierte er meine Wünsche. Manchmal schrieb der alte Fuchs auch selbständig etwas hinein. Nämlich dann, wenn ich noch nicht bemerkt hatte, dass es ein neues Buch von einem meiner Lieblingsautoren gab. Das waren dann Überraschungsgeschenke und ich erfuhr erst nach langer Zeit, dass Herr Ringe der Oma oder der Tante den Tipp gegeben hatte. Herrn Ringe gibt es schon lange nicht mehr. Und dort wo früher in meinem Heimatort sein kleiner Buchladen war, dort ist heute eine Spielhalle.

Zu diesen Erinnerungen an die Nachmittage im Buchladen bei Herrn Ringe gehört untrennbar auch der besondere Geruch, den man in Buchläden wahrnimmt. Sie kennen diese Mischung aus leicht holzigem Papiergeruch, vermischt mit Druckerschwärze. Ein Geruch von “Freiheit und Abenteuer”, nämlich der Freiheit die man verspürt, wenn man sich auf das Abenteuer “Lesen” einlässt. Diesen Geruch liebe ich und er ist ein Grund dafür, dass ich meine Bücher lieber im lokalen Buchhandel als im Internet kaufe.

Natürlich habe ich auch schon bei Amazon bestellt. Aber ich war wirklich begeistert, als in dem Ort, in dem ich jetzt lebe, nach mehreren Jahren wieder eine Buchhandlung eröffnete. Keine dieser Ketten, sondern wirklich eine Buchhandlung, die von einer Buchhändlerin geführt wird.

Seit einigen Jahren haben mein Lebenspartner und ich einen “Deal” mit einer Freundin. Wir lesen alle drei sehr gern und mögen dieselben Autoren. Während wir unsere Bücher auch gern ins Regal stellen, will Gisela ihre kleine Wohnung nicht mit Büchern vollstopfen. Deshalb bestellen wir unsere Bücher zusammen. Sie trägt ein Drittel der Kosten, wir zwei Drittel. Dafür darf sie die Bücher zuerst lesen und wir dürfen sie hinterher behalten. Pro Monat kaufen wir so zusammen für ca. 100 bis 150 EUR Bücher. Gisela wohnt etwa 70 Kilometer entfernt und so verdient nicht nur der Buchhandel sondern auch DHL an unserer Leselust.

Jeden Monat gehe ich also mit meiner Buchliste ins örtliche Buchgeschäft, gebe meine Bestellung auf, hole sie zwei bis drei Tage später wieder ab, fahre nach Hause, verpacke die Bücher, fahre wieder in die Stadt und bringe sie zur Post.

Als ich vor einiger Zeit wieder in die Buchhandlung kam, sah ich ein etwa 13jähriges Mädchen, das an einem Tisch mit Bildbänden stand und fasziniert in einem der Bände blätterte und immer wieder auch die erklärenden Texte las. Ein Buch über die Kultur der australischen Aboriginies. Plötzlich schoss die Buchhändlerin hinter ihrer Theke hervor, nahm dem Mädchen das Buch aus der Hand, legte es auf den Tisch und pflaumte die Kleine an: “Jetzt reicht es aber. Du musst Dich schon entscheiden, ob Du das Buch kaufen willst! Wir sind hier keine Leihbibliothek!”. Nein. Eine Leihbibliothek gibt es bei uns im Ort schon lange nicht mehr. Die ist, wie in vielen anderen Städten auch, dem Sparzwang der Kommunen zum Opfer gefallen. Mit traurigem Gesicht verließ das Mädchen den Buchladen.

Die Buchhändlerin nahm meine Bestellung entgegen. Ich sagte nichts zu dem Vorfall. Leider nicht, wie ich heute denke. Meine Gedanken gingen zurück zu Herrn Ringe…

Ein paar Tage später holte ich meine Buchbestellung ab. Wie immer war ich in Zeitdruck und ärgerte mich schon darüber, dass ich nun wieder zuerst nach Hause und danach noch einmal in die Stadt musste, um die Bücher zu versenden. Da kam mir eine Idee. Ich fragte die Buchhändlerin, ob es nicht möglich sei – natürlich gegen entsprechende Kostenerstattung für Porto und Verpackung – die monatliche Buchbestellung direkt an unsere Freundin zu senden. Um ihr Arbeit zu ersparen könne ich auch gern immer schon einen im Internet bezahlten und adressierten Versandschein von DHL mit der Bestellung einreichen, dann würde ich ihr gern etwas für einen Karton und die Arbeit zahlen und sie könne doch kurz um die Ecke zur Post gehen und das Paket dort in die Packstation einlegen. Das würde mir den doppelten Weg ersparen.

Als Antwort bekam ich zunächst ein entrüstetes Gesicht zu sehen und dann schrie sie mich förmlich an: “Ja glauben Sie, ich bin ein Versandunternehmen? Das kann ich nun wirklich nicht leisten!”. Zuerst dachte ich, sie habe mich nicht richtig verstanden und sie wäre nun der Meinung, ich wolle, dass sie die Bücher auf eigene Kosten verschickt. Noch einmal erklärte ich, wie ich mir das vorstellte und dass ich nicht nur das Porto tragen, sondern auch gern eine “Versandpauschale” für ihre Bemühungen zahlen würde. Ihre Antwort war “Wenn Sie unbedingt Bücher verschickt haben wollen, dann kaufen sie doch bei Amazon!”.

OK. Das tue ich dann jetzt auch. Das spart mir nicht nur einen, sondern gleich zwei Wege in die Stadt. Und da ich mich als Werbepartner bei Amazon angemeldet habe, erhalte ich sogar noch einen Rabatt auf die Bücher. Versandkosten habe ich keine. Und der Rabatt deckt auch noch die Kosten für das Paket, das unsere Freundin uns schickt, wenn sie die Bücher gelesen hat.

Schade. Man hört so viel vom Sterben des Buchhandels. Aber da können eigentlich die Kunden nichts dafür. Es liegt daran, dass der Buch-Handel zum Buch-Geschäft geworden ist. Und leider versäumen es die Betreiber dieser Buchgeschäfte, ihren potentiellen Kunden den einzigen Mehrwert zu geben, den sie gegenüber dem Internethandel noch bieten können: Service.

Ja, noch schlimmer: Solche Buchhändler nehmen auch den Kunden von morgen die Begeisterung am Buch, das Erlebnis, ein Buch in die Hand zu nehmen, es zu riechen, sich zu wünschen, man könne es sich kaufen.

Ich denke wieder an Herrn Ringe und bin ihm sehr dankbar, dass er mich stundenlang in seiner Buchhandlung hat stöbern lassen.

Meine Bücher kaufe ich, wie schon erwähnt, jetzt auch ausschließlich im Internet. Aber manchmal, wenn ich in einer fremden Stadt eine Buchhandlung entdecke, dann gehe ich hinein – einfach um mal wieder die Bücher zu riechen.

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