Akzeptanz der sexuellen Toleranz in Deutschland? Fehlanzeige!

Beim Aufräumen fiel mir neulich eine ältere Zeitung aus dem Januar dieses Jahres in die Finger. Ich hatte sie aufgehoben, weil zwei Artikel darin zu lesen waren, die konträrer nicht sein könnten:

Zum einen wurde mit einem Mahnmal in Form eines rosa Winkels in Tel Aviv zum ersten Mal in einer israelischen Stadt ein Mahnmal zum Gedenken der verfolgten sexuellen Minderheiten zur Zeit des Nationalsozialismus enthüllt. Dies ist umso bemerkenswerter, weil gerade Juden, in der Zeit des – zum Glück “nur” 12 Jahre währenden – tausendjährigen III. deutschen Reiches die Volksgruppe waren, die größte und konsequenteste Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu erleiden hatten. Und gerade diese Nation, in der es immer noch Überlebende des Holocausts gibt, in der auch die Kinder der Opfer schwer an der Last zu tragen haben, die die Deutschen ihren Eltern aufgebürdet haben, gerade diese Nation setzt nun ein Zeichen und gedenkt der eher kleineren Gruppe der sexuell verfolgten Minderheiten, die ebenfalls von den Nazis in die Konzentrationslager verschleppt wurden und nicht selten dort der “Vernichtung durch Arbeit” zum Opfer fielen. Es liegen keine genauen Zahlen vor, doch nach Schätzungen des Juristen und Soziologen Rüdiger Lautmann wurden 10.000 bis 15.000 Männer in Konzentrationslager verbracht, allein deshalb, weil sie Männer liebten. Lautmann geht davon aus, dass 53% dieser Männer dort den Tod fanden. Nicht eingerechnet sind hier homosexuelle Männer, die einer anderen verfolgten Gruppe (z.B. Juden, Sinti und Roma usw.) angehörten und wegen der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ins KZ verschleppt wurden.

Es ist eine bemerkenswerte Geste, dass die Stadt Tel Aviv ein Mahnmal zum Gedenken an diese Männer errichtet.

Und in Deutschland so?

Die zweite Meldung, die mich aufmerken ließ, steht in einem mittelbaren Zusammenhang zu dieser ersten Meldung. Im grün-rot regierten Bundesland Baden-Württemberg sprachen sich die Katholische und die Evangelische Kirche in seltener Einmütigkeit gegen ein Vorhaben der Landesregierung aus. Diese will die Akzeptanz der sexuellen Toleranz im Rahmen einer Bildungsplanreform als Leitprinzip für den Schulalltag zu verankern. Dies würde einerseits bedeuten, dass schwule, lesbische und transidente Schüler – aber auch Lehrer – an den Schulen einen gewissen Schutz gegen Diskriminierung genießen würden. Andererseits würde die “Lehre von der Normalität sexueller Diversität” in den Lehrplan aufgenommen.

Die beiden großen Kirchen oder präziser die Evangelische Landeskirche in Baden, die Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Diözese Rottenburg-Stuttgart und das Erzbistum Freiburg verlautbaren in ihrer gemeinsamen Erklärung: “Was in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft kontrovers ist, muss nach Überzeugung der Kirchen auch in Bildungsprozessen kontrovers dargestellt werden.”

Hier stellt sich die Frage, ob “dies” in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft nicht vielleicht gerade deshalb immer noch kontrovers ist, weil Bildungsreformen zu diesem Thema im angeblich säkularen Deutschland (Staat und Kirche sind ja angeblich streng getrennt) von den großen Landeskirchen immer noch torpediert werden.

 

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